Einige traditionelle Artnamen enthalten Begriffe, die heute als diskriminierend oder rassistisch wahrgenommen werden. NABU|naturgucker hat deshalb die verwendeten deutschen Trivialnamen überprüft und angepasst. Wann solche Änderungen machbar sind und weshalb wissenschaftliche Namen meist nicht einfach ersetzt werden können, beleuchtet dieser Beitrag.
Darum geht es
Zwischen gesellschaftlicher Verantwortung und wissenschaftlicher Präzision
Naturkunde ist kein statisches Wissensgebiet. Sie entwickelt sich weiter – ebenso wie die Sprache, mit der wir über die Natur sprechen. Als Betreiber eines → Meldeportals für Naturbeobachtungen und eines Online-Lernorts rund um Artenwissen, der → NABU|naturgucker-Akademie, halten wir es deshalb für sinnvoll, etablierte Bezeichnungen einem kritischen Blick zu unterziehen. Wo Veränderungen zu einem respektvollen und zeitgemäßen Umgang miteinander beitragen können, nehmen wir sie nach Möglichkeit vor. Dies steht im Einklang mit unseren Leitlinien, in denen wir uns ausdrücklich zu Respekt, Toleranz, Vielfalt und einem diskriminierungsfreien Miteinander bekennen.
Gleichzeitig stehen wir dabei vor einer großen Herausforderung: Die auf unserem Meldeportal gesammelten Naturbeobachtungsdaten werden international der Forschung und dem Naturschutz zur Verfügung gestellt, unter anderem über das → weltweite Netzwerk GBIF. Um diese globale wissenschaftliche Kommunikation über Arten, Taxonomie und Systematik fehlerfrei zu gewährleisten, müssen wir strikte formale Standards wahren. Wir können etablierte Bezeichnungen daher nicht einfach durch Neuschöpfungen ersetzen, ohne die Kompatibilität und Auffindbarkeit der Daten zu gefährden.
Wir bewegen uns hier also in einem ständigen Spannungsfeld zwischen gesellschaftlicher Verantwortung und wissenschaftlicher Notwendigkeit. Unser Ziel ist es, den bestmöglichen Kompromiss zu finden, der sowohl Sensibilität im Sprachgebrauch als auch die internationale Anschlussfähigkeit der von den zahlreichen Naturinteressierten, die auf unserem Meldeportal aktiv sind, zusammengetragenen Beobachtungsdaten garantiert.
Sprachliche Altlasten

Wer sich intensiv mit der Natur beschäftigt, stößt unweigerlich auf Artnamen, die oft Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte alt sind. Viele dieser Bezeichnungen entstanden in Epochen, in denen die gesellschaftlichen Vorstellungen, Sprachgewohnheiten und Machtverhältnisse völlig anders waren als derzeit. Aus heutiger Sicht sind manche dieser Namen rassistisch, kolonialistisch oder anderweitig diskriminierend.
Die Debatte darüber wird in der Öffentlichkeit oft emotional geführt. Kritische Stimmen werfen Initiativen, die das Problem lösen möchten, Übertreibung vor oder verweisen auf vermeintlich drängendere Probleme (nicht nur) im Naturschutz. Dabei wird das eigentliche Thema (diskriminierende Artnamen) allerdings nicht inhaltlich bestritten, sondern relativ zu einem angeblich „wichtigeren“ Problem kleingeredet. Der Trick hierbei ist, dass man sich nicht mit der Sache selbst auseinandersetzen muss, sondern sie über den Vergleich abwerten kann.
Außerdem dient der Vorwurf der „Übertreibung“ dazu, das Anliegen zu delegitimieren, ohne ein einziges Argument gegen die eigentliche Position vorzubringen. Kritisiert wird die Form der Debatte (angeblich zu emotional, zu wichtig genommen), nicht ihr Inhalt.
Wir bevorzugen es, uns mit dem Inhalt auseinanderzusetzen, denn wir sind der Überzeugung: Ein respektvoller Umgang miteinander und der Schutz der Natur sind keine Gegensätze, sondern gehören untrennbar zusammen. Sprache schafft Realität – auch in der Naturkunde.
Um zu verstehen, wo wir ansetzen können und wo uns die Hände gebunden sind, muss man grundsätzlich zwischen zwei Ebenen unterscheiden:
- Die deutschen Trivialnamen: Dies sind die im Alltag verwendeten Bezeichnungen. Sie dienen der lokalen Verständigung und sind international nicht verbindlich. Deshalb können sie von Fachgesellschaften, Verbänden oder Projekten wie dem unseren vergleichsweise unkompliziert angepasst werden, wenn dies sinnvoll und zeitgemäß erscheint.
- Die wissenschaftlichen Namen: Diese überwiegend lateinischen oder griechischen Bezeichnungen basieren auf den strengen Regeln der biologischen Nomenklatur. Sie dienen der weltweit eindeutigen Identifizierung von Arten. Änderungen sind hier nur unter extrem engen formalen Voraussetzungen möglich. Selbst wenn ein wissenschaftlicher Name heute als hochgradig problematisch gilt, bleibt er in der Regel bestehen, da die Stabilität und weltweite Nachvollziehbarkeit der Forschung Vorrang haben.

Wie tief dieses Dilemma in der Praxis verwurzelt ist, zeigt das Beispiel der → Hottentottenfliege (Villa hottentotta), einer Fliegenart aus der Familie der Wollschweber. Sowohl der noch heute an vielen Stellen verwendete deutsche Trivialname als auch das wissenschaftliche Epitheton (der zweite Bestandteil des wissenschaftlichen Namens) enthalten eine historisch tief abwertende, koloniale Bezeichnung für eine indigene Bevölkerungsgruppe im südlichen Afrika. Während der deutsche Name diskutiert und geändert werden kann (auf unserem Meldeportal ist das passiert und das Insekt heißt jetzt Goldene Hummelfliege), ist dies beim wissenschaftlichen Namen aufgrund der internationalen Nomenklaturregeln schwierig, aber nicht völlig unmöglich, wie dieser → Bericht aus dem Jahr 2024 zeigt.
Trivialnamen im Wandel
Dass Trivialnamen hierzulande geändert werden können, hat die Ornithologie bereits vor mehreren Jahren gezeigt. Im Zuge der Überarbeitung der offiziellen deutschen Vogelnamen wurden verschiedene Bezeichnungen ersetzt, die als diskriminierend, kolonial geprägt oder sachlich unangemessen angesehen wurden. Verantwortlich für solche Änderungen ist die Kommission → Deutsche Namen der Vögel der Erde der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft (DOG). Sie legt die offiziellen deutschen Vogelnamen fest und aktualisiert sie fortlaufend.

Bereits mit der im Jahr 2018 veröffentlichten Artenliste der Vögel Deutschlands wurden mehrere Änderungen eingeführt. So wurde beispielsweise aus der Mohrenlerche die → Schwarzsteppenlerche (Melanocorypha yeltoniensis) und aus der Hottentottenente die → Pünktchenente (Spatula hottentota). Weitere Beispiele sind die Umbenennung des Mohrenkopfpapageis in → Senegalpapagei (Poicephalus senegalus), des Kaffernadlers in → Klippenadler (Aquila verreauxii) und des Kaffernhornraben in → Rotgesicht-Hornrabe (Bucorvus leadbeateri).
Diese Änderungen wurden nicht von einzelnen Personen vorgenommen, sondern im Rahmen eines fachlichen Abstimmungsprozesses innerhalb der zuständigen ornithologischen Kommission beschlossen. Ziel war es, deutsche Vogelnamen einheitlicher, verständlicher und frei von diskriminierenden Begriffen zu gestalten. Die Diskussionen darüber verliefen jedoch nicht immer konfliktfrei. Manche Änderungen wurden breit begrüßt, andere stießen auf Kritik. Sie zeigen gleichwohl, dass Trivialnamen nicht unveränderlich sind und an gesellschaftliche Entwicklungen angepasst werden können.

Mit dem Eskimobrachvogel (Numenius borealis) gibt es übrigens nach wie vor einen deutschen Vogel-Trivialnamen, dessen weitere Verwendung kritisch zu hinterfragen ist. Denn die Bezeichnung „Eskimo” wird von vielen Angehörigen indigener arktischer Völker als diskriminierend empfunden.
Wenn Bezeichnungen anecken: Der Fall der Gattung Erebia
In jüngster Zeit gab es ähnliche Debatten auch außerhalb der Vogelkunde. Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Diskussion um die sogenannten Mohrenfalter, eine Schmetterlingsgattung mit dem wissenschaftlichen Namen → Erebia. Bereits im August 2019 kontaktierte der Ethnologe und Journalist Dr. Felix Riedel zwei große deutsche Schmetterlingsforen, um eine Umbenennung der Gattung anzuregen. Seine Begründung: Der Begriff „Mohr“ werde heute vielfach als rassistisch empfunden und habe in einer modernen Naturkunde keinen selbstverständlichen Platz mehr.

Wie die Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz (FARN) → berichtet, wurden die Diskussionen sowohl im Lepiforum als auch in einer großen Facebook-Gruppe für einheimische Schmetterlinge äußerst kontrovers geführt. Damals sprach sich die überwiegende Mehrheit der Teilnehmenden gegen eine Umbenennung aus. Als mögliche Alternativen wurden unter anderem die Bezeichnungen „Bräunlinge“ und „Schwärzlinge“ sowie die Verwendung des wissenschaftlich abgeleiteten Namens „Erebien“ erörtert.
Änderungen auf unserem Meldeportal und bei der NABU|naturgucker-Akademie

Auf unserem Meldeportal wurden die deutschen Trivialnamen der Schmetterlinge aus der Gattung Erebia in Erebien umbenannt. Entsprechende Anpassungen werden schon bald auch in den Kursen der NABU|naturgucker-Akademie folgen. In unserer Datenbank sind die alten Namen als Synonyme hinterlegt. Dadurch ist gewährleistet, dass die jeweiligen Arten auch dann auffindbar sind, wenn Nutzer*innen diese problematischen Bezeichnungen in die Artsuche eingeben.
Weitere Beispiele für bereits erfolgte Änderungen sind die Umbenennungen der Roten Hottentottenfeige in → Rote Mittagsblume (Carpobrotus acinaciformis), des Mohrenkaimans in → Schwarzer Kaiman (Melanosuchus niger) und der Negerkopf-Südbuche in Moores Südbuche.
Falls Ihnen weitere Trivialnamen auf unserem Meldeportal auffallen, die aus heutiger Sicht fragwürdig sind, kontaktieren Sie uns gern. Unsere Kontaktadresse ist info@nabu-naturgucker.de.
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Bildquelle Titelbild
Aus dem Mohrenkopfpapagei wurde der Senegalpapagei (Poicephalus senegalus), (c) Johannes Klemenz/NABU-naturgucker.de